„Trotz tiefer und manchmal schmerzhafter Einschnitte beim Personalstamm ist es uns gelungen, unsere Umsatzrentabilität im letzten Quartal deutlich zu steigern.“ Solche oder ähnliche Sätze höre ich in den letzten Jahren in jedem zweiten Briefinggespräch. Personalabbau scheint inzwischen zum guten Ton der deutschen Wirtschaft zu gehören. Change Management und Effizienzdenken beherrschen die Strategien in Unternehmen und Institutionen.
Im Unternehmen A wird die Mitarbeiterzahl „durch systematisches Outsourcing um 30% gestrafft“. Unternehmen B hat „alle Anstrengungen unternommen, um seinen Vertrieb durch Rationalisierungen und Personaleinsparungen an die geänderten Marktverhältnisse anzupassen“. Unternehmen C ist es gelungen, „durch einvernehmliche Regelungen die Belegschaft erfolgreich auszudünnen und auf die Leistungsträger zu konzentrieren“. Wenn ich nach den Stimmen in meinen Briefinggesprächen gehe, dann befinden sich überall im Land die Mitarbeiterzahlen im Sinkflug.
Was mich jedes Mal wieder irritiert, ist diese kalt kalkulierende Professionalität. Kaum ein Wort des Bedauerns. Woher denn? Meine Gesprächspartner vermelden den Personalabbau mit der Entschlossenheit eines Ballonsfahrers, der aufgrund wechselnder Thermik Ballast abwerfen musste. Vielleicht wird mit einem halbherzigen Halbsatz zur Sozialverträglichkeit noch ein wenig Öl auf die Wellen des Wandels gegossen. Aber mehr ist nicht drin. Der Wandel wartet nicht. Wer zögert, hat schon verloren im Effizienzwettbewerb.
Und ich, ich sitze in der U-Bahn, fahre vom Kundengespräch zurück ins Büro und stelle mir ständig die Frage: Was wird bloß aus all diesen Leuten, die nicht mehr gebraucht werden?
Seit einigen Tagen lese ich mit meiner Tochter „Die unendliche Geschichte“ von Michael Ende. Da gibt es diese schwarzen Löcher überall in Phantasien. Wer nicht aufpasst und einen falschen Schritt tut, verschwindet für immer und ewig darin. Vielleicht liegen ja solche schwarzen Löcher als getarnte Fußmatten in den Personaleingängen vieler deutscher Unternehmen? Vielleicht ist das die Erklärung?
Die Fortsetzung der Geschichte besteht darin, dass jene, die noch nicht Opfer der Effizienzsspirale wurden, erzählen, was es bedeutet, alleine erst die Arbeit von eineinhalb Stellen auf den Schultern zu haben, dann von zwei, schließlich von drei Kollegen, die es nicht mehr gibt. Steigende Komplexität und explodierende Umfänge - kombiniert mit der Angst um die eigene Existenz: Ein sicherer Weg ins schwarze Loch. "Klagen Sie nicht, kämpfen Sie." "Was haben Sie denn, andere wären froh, wenn sie noch einen festen Arbeitsplatz hätten." "Seien Sie doch mal die Lösung des Problems, nicht immer das Problem!"
Kommentiert von: 8mt | 07. Dezember 05 um 09:52 Uhr
Na ja, wenn man sich die Unternehmen anschaut, dann gibt es da aber auch jede Menge überflüssiges Personal. Das hat freilich gelernt, die Überflüssigkeit zu tarnen, die Reformen zu bremsen und/oder laut zu klagen. Alles auf Kosten der Allgemeinheit (wenn es Stellen im öffentlichen Dienst sind) oder der Eigentümer. Die Quote ist oft gleich: 40% der Stellen könnten ersatzlos gestrichen werden, ohne irgendeinen Rückgang beim Output.
Wo die Leute alle sind? Auf einem nicht funktionierenden Arbeitsmarkt, wo es leider der Preis nicht schaffen darf, das Gleichgewicht wiederherzustellen.
Kommentiert von: DH | 07. Dezember 05 um 16:32 Uhr
in den hübschen volkswirtschaftlichen Modellen mit Marktgleichgewichten in den idealtypischen Märkten sah das immer sehr elegant und logisch aus. Aber vollkommene Märkte waren sehr theoretisch und fern der Realwirtschaft (so etwa 1985).
Mittlerweile haben internationalisierte Kapitalmärkte eine eindrucksvolle Vorführung entfesselter Finanzmärkte auf die Realwirtschaft geliefert. Manch mühsam privat aufgebaute Altersversorgung (USA) ist dabei verbrannt worden.
Gleichgewicht auf dem internationalisierten Arbeitsmarkt, so etwa bei 100 Rupien?!
drollige Aussichten
Probieren wir auch noch aus; und was machen wir nach dem Knall :-)
Kommentiert von: Rolf Langhoff | 13. Dezember 05 um 23:02 Uhr