„Ihre Briefingfragen stellen Sie bitte schriftlich. Um die Chancengleichheit zu wahren, werden wir die Antworten an alle am Wettbewerb beteiligten Agenturen weiterleiten.“
Ja, wo denken die bloß hin? Gezielte analytische Fragen kann ich jetzt keine mehr stellen. Denn die Antworten gingen rund und alle würden meine Nachtigall trapsen hören. Das muss ich verhindern. Also schreibe ich ein paar belanglose Standardfragen auf und bringe sie in Umlauf. Lauter Fragen, auf die die anderen Agenturen auch gekommen wären. Weil man sich nicht verraten will, verzichtet man auf erhellende Fragestellungen. Die unschönen Folgen für den Auftraggeber: Die Konzeptqualität lässt zu wünschen übrig.
Die Weiterleitung von Briefingantworten greift im Moment um sich. Vor allen in öffentlich rechtlichen Wettbewerbsausschreibungen ist sie zur gültigen Spielregel geworden. Fragt man nach dem Grund, wird man stets auf den Gleichbehandlungsgrundsatz hingewiesen.
Meine Damen und Herren, Sie veranstalten einen Wettbewerb! Sind Sie sich darüber im Klaren, dass die richtigen Fragen und die dazugehörigen aufschlussreichen Antworten wie Meilensteine auf dem Weg zum erfolgreichen Konzept sind? Wenn Sie diese Meilensteine für alle Mitbewerber gleichermaßen sichtbar aufstellen, greifen Sie in den Wettbewerb ein und nivellieren ein gutes Stück des Kompetenzvorsprungs.
Vor allem bei komplexen Kommunikationsproblemen dürften leistungsschwächere Agenturen mit Analyse und Strategie teilweise überfordert sein. In einem ungestützten Wettbewerb würden sie erkennbar zurückfallen. Mit dem Rückenwind der richtigen Briefingantworten eröffnet sich unerwartet allen die Chance, ins konzeptionelle Ziel einzulaufen. – Wirklich allen? Nein, einer dürfte bedauerlicherweise auf der Strecke bleiben: der Wettbewerbsgedanke.
Wahrscheinlich wird das gemacht, um dem Vorwurf zu entgehen, "sozial ungerecht" zu sein.... ;-) ...was aber auf der anderen Seite nur ein neues "public goods dilemma" generiert: "Wie viel kann ich preisgeben, so dass mein Nutzen größer ist als der Preis, durch schlaue Fragen die Wettbewerber zu stärken?".
Kommentiert von: Jörg Hoewner | 26. Juli 06 um 16:48 Uhr