Auf meiner Konzeptpräsentation in der vorigen Woche gab es ein bemerkenswertes Comeback. Zum ersten Mal seit Jahren habe ich einem Kunden wieder eine echte Pappenschlacht geliefert. Zwar pflegen viele Werbeagenturen bis heute ihre Layouts zusätzlich zur Beamerprojektion auch auf Pappe zu zeigen, aber ansonsten ist eine komplette Pappenpräsentation eher auf der Liste der aussterbenden Gattungen zu finden.
Vor lauter Hightech mit Notebook, Beamer und Powerpoint hatte ich die klassische Pappenschlacht völlig aus den Augen und aus dem Sinn verloren. Ich fühlte mich mit der modernen Präsentationstechnik verheiratet. Nur ab und zu wurmte es mich im Stillen, dass Präsentationen per Beamer immer so fix, fertig und besiegelt wirken. Meine Kunden lehnen sich passiv im Sessel zurück und lassen sich berieseln. Die Erwartungshaltung steigt. Vorhang auf zum Konzeptionerkino!
Als ich Ende der 80ziger Jahre als Konzeptioner anfing, gehörte die Pappenschlacht noch zu den führenden Präsentationsformen. Grafische Layouts, Schaubilder und konzeptionelle Stichworte wurden vergrößert und auf großformatige Pappen geklebt. Wer die Hände für große Gesten freihalten wollte, der brachte die Pappen zusätzlich hinten mit einem Herzflügelaufsteller auf Stand. Der Name Pappenschlacht war durchaus berechtigt. Ich erinnere mich noch mit Schrecken, als mir bei einer wichtigen Präsentation vor lauter Aufregung die Pappen durcheinander kamen und mitten im Vortrag das große Suchen losbrach. Oder die alptraumartige Präsentation, bei der drei Dutzend aufgestellte Pappen wie Dominosteine eine nach der anderen umkippten und meine Präsentationsfluss unter sich begruben.
Letzte Wochen hatte ich genau 15 Pappen mit Layouts bzw. Konzepttext dabei und keine Probleme mit der Schlachtordnung. Während meines Vortrags entdeckte ich eine Reihe von interessanten Vorteilen wieder:
- Beim Beamer folgt immer Chart auf Chart, stur hintereinander. Bei der Pappenschlacht stelle ich ganze Serien nebeneinander und schaffe so ein zusammenhängendes Panorama.
- Ich gebe meinen Kunden einzelne Pappen an die Hand. Aus den passiven Zuschauern werden Begutachter und vielleicht sogar Beteiligte.
- Ich reagiere auf meine Zuhörer und steuere, indem ich Pappen von links nach rechts oder von vorne nach hinten schiebe. Oder ich nehme eine Pappe vom Tisch und damit aus dem Rennen.
- Meine Präsentation bekommt einen flexiblen Prozesscharakter. Die Zuschauer sind viel näher am Geschehen und denken das Konzept besser mit.
- Auch werden Fehler viele eher verziehen. Bei der Pappenschlacht erwartet niemand Perfektion.
Ich habe mir fest vorgenommen, in Zukunft öfter mal wieder zur guten alten Pappe zu greifen und in den Schlacht zu ziehen.
In der Tat sind Pappen meiner Meinung nach interaktiver und können die Zuhörer somit aktivieren. Ausserdem finde ich, dass schöne, gross gezogene Farbausdrucke auf Pappen einfach besser aussehen als auf eine weisse Wand gebeamt...
Kommentiert von: Jörg Hoewner | 27. August 06 um 16:16 Uhr