Kennen Sie dieses merkwürdige Unwohlsein? Alles um Sie herum scheint flüchtig. Nichts lässt sich mehr halten. Sie treiben von Augenblick zu Augenblick, immer rastloser nagt der Zahn der Zeit an Ihren Grundsätzen, und mit einem Mal überkommt Sie in all dieser hektischen Haltlosigkeit die Sehnsucht nach einem kleinen Zipfel Beständigkeit und Wahrhaftigkeit.
Auch Sie leiden darunter? Dacht’ ich es mir doch! Da habe ich was für Sie! Sie sollten öfter mal das heilende Wörtchen „nachhaltig“ auf sich wirken lassen. Auch ich nehme es regelmäßig. Seit einigen Jahren schon lasse ich das dreisilbige Adjektivum in meinen Konzepten therapeutisch wirken. Zum Beispiel bekommt meine Definition der Kommunikationsziele im Konzept wesentlich mehr Tiefe und Bedeutung, wenn ich von den Beteiligten nicht „langfristigen Zieltreue“ sondern „nachhaltige Zieltreue“ fordere. Früher kündigte ich im Konzept gern eine „kontinuierliche Themenvermittlung“ an. Heute bevorzuge ich die „nachhaltige Themenvermittlung“. So herum wirkt es einfach viel, viel nachhaltiger.
„Nachhaltig“ hat eine überaus raffinierte Rezeptur. Es verbindet Verantwortung und Gründlichkeit mit Stabilität und Weitsicht zu einem semantischen Wunderheilmittel. Wenige Tropfen wirken. Aber man muss aufpassen, schon eine leichte Überdosis führt zu Abwehrreaktionen. Zudem kann es in Verbindung mit bestimmten Substantiven zu unschönen Nebenwirkungen kommen. Als ich unlängst in einer Präsentation einen „nachhaltigen TV-Spot“ ankündigte, führte das bei meinen Zuhörern zu plötzlichen Symptomen wie Grinsen und Kopfschütteln.
In unserer unsteten Gegenwart wird „nachhaltig“ gerne verschrieben, um die Wunden der Zeit zu heilen. Es gibt Nachhaltigkeitskongresse und Nachhaltigkeitsbeauftragte, nachhaltigen Umweltschutz und nachhaltiges Wachstum. Nicht nur Konzeptioner, auch Soziologen, Psychologen, Politiker, Ökonomen, Ökologen - jeder, der auf sich hält, schwört auf die Wirkung dieses Wortes. Probieren Sie es doch einfach mal aus!
interessant und das wort in seiner bedeutung erhellend (weil vereinfachend) ist auch seine herkunft: der begriff der nachhaltigkeit wurde anfangs des 19. jahrh. in der forstwirtschaft geprägt und bedeutet dort, dass man nicht mehr holz aus einem wald schlagen soll, als wieder nachwächst.
Kommentiert von: roetext | 04. Oktober 06 um 15:36 Uhr