Bin gerade zurück vom Rebriefing in einer Marketingabteilung. Eine Marketingabteilung ist zuständig für das Marketing eines Unternehmens, sollte man meinen. Dem ist aber in diesem wie in vielen anderen Fällen nicht so. Die Marketingabteilung von vorhin fungiert nur als Abteilung für Marketingkommunikation, quasi als ein interner Werbedienstleister für die anderen Abteilungen des Hauses.
Solche Deformationen begegnen mir ständig. Die reine Lehre sagt zwar, dass Marketing immer wichtiger wird und dass zum Marketing neben der Kommunikation auch Produkt-, Preis-, Service- und Distributionspolitik gehören. Aber in der Realität können viele Marketingabteilungen von einer solchen integrierten Kompetenz nur träumen.
Der Marketingalltag sieht nicht selten anders aus. Die Steuerung der Preis- und Produktpolitik liegt beispielsweise in der Hoheit der Chefetage. Die gesamte Distribution und der dazugehörige Service sind Sache einer separaten und ziemlich mächtigen Vertriebsabteilung. Für die eigentliche Marketingabteilung bleibt dann als Kernkompetenz die Kommunikationsarbeit. Und selbst diesen Teil haben die Marketingleute in manchen Firmen nur bedingt unter Kontrolle. Beim ersten Unternehmen bestimmt der Vertrieb über die Verkaufsförderung und die Messeauftritte. Beim zweiten Unternehmen gehört der Bereich der Produkt-PR zur Presseabteilung, die organisatorisch weit weg vom Marketing angesiedelt ist. Im dritten Unternehmen erklärt der Vorstand das Sponsoring zu seinem Privatvergnügen. Und im vierten Unternehmen dirigiert doch tatsächlich die IT-Abteilung die Aktivitäten im Bereich der Online-Kommunikation.
Die Summe meiner Erfahrungen: Unter dem Strich bleibt das Marketing in deutschen Unternehmen weit unter seinen Möglichkeiten.
Bei manchen Unternehmen sind alle Marketing-Teile in einer Hand, und das sehr erfolgreich. Nur ist in solchen Unternehmen Marketing direkte Chefsache. Nicht selten handelt es sich dann auch noch um ein Familienunternehmen, wo das Wort des Geschäftsführers Gesetz ist. Doch wenn so ein Chef tatsächlich Ahnung von Marketing hat - und das kommt ab und zu durchaus vor - dann ist selbiges meist auch sehr erfolgreich, und eben nicht nur auf dem Kommunikationssektor.
Kommentiert von: Michael van Laar | 28. Januar 08 um 21:57 Uhr
Ihre Ausführungen kann ich nur bestätigen - auch in Österreich ist es nicht viel anders. Genau diese "Voraussetzungen" waren der Untergang unserer sehr erfolgreichen Textilwirtschaft. Nicht die Billigproduktion in Fernost (war nur eine logische Folge) - sondern das Nichtverstehen, der eigenen Vorzüge zu vermarkten, war die Katastrophe. Eine Ursache liegt auch darin, dass es fast immer über die "Menge" geht, das heißt billiger Preis - scheinbar kein Geld für Marketing. Es hinterfrägt auch niemand, was ist Marketing.
Leider fehlt auch das übergreifende Denken oder es wird nicht zugelassen.
Jene Unternehmen, die sich darauf besinnen, werden auch in Zukunft erfolgreich sein.
Gruß
Sieglinde Götze
Kommentiert von: Sieglinde Götze | 29. Januar 08 um 08:51 Uhr
Interessant dazu vielleicht auch die Diskussion in der XING-Gruppe "B2B-Marketing". Dort habe ich die anderen Gruppenmitglieder gebeten, ein wenig über ihre Erfahrungen mit diesem Thema zu schreiben:
https://www.xing.com/app/forum?op=showarticles;id=7476222
Kommentiert von: Michael van Laar | 01. Februar 08 um 16:38 Uhr