Ich gestehe, ich bin kein einsamer Schreibtischtäter mehr. In letzter Zeit entstehen rund die Hälfte meiner Konzepte nicht wie früher im Alleingang am grünen Tisch, sondern in Teamarbeit während eines Workshops. Die Auftraggeber und der Konzeptioner gehen für ein bis drei arbeitsreiche Tage in Klausur und in Clinch. Schritt für Schritt geht es über die volle Distanz einer Konzeption. Der Konzeptioner fungiert als Kommunikationsprofi, als Berater und vor allem als Moderator. Die Auftraggeber bringen ihr Branchen-, Produkt- und Unternehmenswissen ein. Am Ende hängen alle Wände voller Flipchart-Papiere und alle Pinboards voller Karten. Zufrieden wandert der Blick über das Panorama der fertigen Kommunikationskonzeption.
Die Konzeptionsentwicklung im Team hat einen gewaltigen Vorteil: Meine Auftraggeber sind an der Zeugung beteiligt. Sie sind „Väter und Mütter“ des Konzepts. Es ist „ihr Baby“, das sie lieben und für das sie sich einsetzen. In der Realisierungsphase tun sie alles, damit das Konzept seinen Weg macht und nicht auf die schiefe Bahn gerät.
Irgendwelche nennenswerte Nachteile? Vielleicht die Kraftanstrengung für den Konzeptioner? Als Moderator und Berater im Team fühle ich mich bisweilen wie der Steuermann beim Rafting. Ganz gleich, was da an Stromschnellen und Untiefen kommt, ich muss den Kurs halten, volle Konzentration, das Team darf nicht kentern und der Workshop absaufen.
Kommentare
Danke für die ausführliche Antwort. Noch eine kleine Nachfrage: Geht der Trend in Richtung dauerhafter Partnerschaft von Unternehmen mit einer Agentur (oder wenigen)?
In meiner Anfangszeit (Ende der 80ziger Jahre) hatten Agenturen in der Regel einen festen Vertrag und betreuten den Kunden komplett.
Das hat sich im Laufe der Jahre immer mehr geändert. Um die Jahrtausendwende wurden dann die meisten Jobs nur noch projektweise vergeben - was einen gigantischen Akquisitions- und Pitchzirkus zur Folge hatte.
Zurzeit dreht sich der Wind wieder. Wenn ein Unternehmen eine kompetente strategische Kommunikationsbetreuung wünscht, dann kann es die Agenturen auch nicht ständig wechseln. Es braucht Kontinuität.
Allerdings haben die meisten Unternehmen, mit denen ich zu tun habe,nicht mehr nur eine Agentur, sondern bauen sich einen Pool von 3 - 7 Agenturen auf. Darunter ist in der Regel eine Leitagentur, die das Ganze konzeptionell zusammenhält.
Ich habe tatsächlich die Erfahrung gemacht, dass Kunden begeistert am Workshop mitgearbeitet haben, tragfähige Ergebnisse entwickelt wurden und am Ende der Kunde die Konzeptions-Workshop-Honorare nicht zahlen wollte: "Sie haben doch nur mitgeschrieben, was ich Ihnen erzählt habe." Ansonsten: Konzeption im Team mit dem Kunden kann ich auch nur empfehlen!
Wir arbeiten vornehmlich für kleine und mittelständische Unternehmen. Bislang kamen die Angebote, Kommunikationskonzepte gemeinsam zu erarbeiten gut an, sodass wir schon eine Reihe solcher Workshops durchgeführt haben. Das Argument der Beteiligung/gemeinsamen Zeugung zieht besonders.
In den Workshops allerdings haben wir dann sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht: Von einer äußerst kreativen Atmosphäre bis hin zu einer Situation in der unsere Arbeitsschritte so gar nicht verfingen und am Ende doch wir fast alles allein erarbeitet haben. Zum Glück wurden aber alle Workshops ohne Murren bezahlt.
Neugierige Fragen meinerseits:
- Ist es nicht schwierig, den Auftraggeber überhaupt zu einem solchen kollaborativen Vorgehen zu bewegen?
- Erwarten Auftraggeber nicht oft, dass die Arbeit "von dem erledigt wird, der dafür bezahlt wird"?
- Erwartet der Auftraggeber nicht oft bereits für den Pitch, dass die konzeptionelle Arbeit erledigt ist und er sich nur entscheiden muss?
Kommentiert von: Frank Hamm | 30. März 08 um 12:53 Uhr
Die Unternehmens- und Marketingkommunikation ist in den letzten Jahren wesentlich komplexer und komplizierter geworden. Die Entwicklung geht mit Siebenmeilenstiefeln weg vom Werbe- und PR-Handwerk hin zum Kommunikationsmanagement.
Klar, es gibt immer noch viele Kunden, die lieber einen Pitch arrangieren und ein fertiges Ergebnis serviert bekommen wollen. Aber alles in allem - so erlebe ich es - verliert der Pitch seine Nonplusultra-Position.
Die Kommunikationsleute aus den Unternehmen bringen sich mehr und mehr ein, wenn es darum geht, Kommunikationsstrategien zu entwickeln. Sie wollen das Steuer in der Hand behalten. Aber gleichzeitig sind sie strategisch auch nicht so fit, dass sie ein durchdachtes und schlagkräftiges Konzept allein auf die Reihe bringen. Und da bietet sich der Konzept-Workshop als interessante Lösung an.
Mehr und mehr Agenturen bieten inzwischen offensiv solche Konzeptwerkstätten an. Denn die gemeinsame Arbeit am Konzept schmiedet Kunde und Agentur zusammen. Wenn man gemeinsam gearbeitet und gekämpft hat, entsteht eine Vertrauensbasis, die für die weitere operative Betreuung wertvoll ist.
Kommentiert von: Klaus Schmidbauer | 30. März 08 um 17:57 Uhr