Seit einiger Zeit stehen immer mal wieder Artikel in der Zeitung , die Jobbewerber darüber aufklären, dass sie andauernd verräterische Spuren im Internet hinterlassen, die dann von wissbegierigen Personalleitern per Suchmaschine aufgespürt werden, um eventuelle Flecken und Risse in der Biografie aufzudecken.
Apropos: Das Durchleuchten via Web funktioniert auch bei Unternehmen und Institutionen. Nur wer könnte Interesse daran haben, Unternehmen auszukundschaften? Um ehrlich zu sein: Ich.
Ein Fall von Wirtschaftsspionage? Nö! Der Grund hängt mit meinem täglichen Broterwerb zusammen. Wer einen erfolgreichen Werbe- und PR-Auftritt in Szene setzen will, der muss - das weiß doch jeder - sein Produkt, sein Unternehmen oder seine Dienstleistung von den Mitbewerbern absetzen. Um erfolgreich zu sein, braucht es unbedingt eine Positionierung, die sich abhebt. Tja, und um diese Position zu finden, verschafft man sich erst einmal ein möglichst klares Bild von den relevanten Mitbewerbern. Vor einigen Jahren war das eine enorme Kraftanstrengung mit ungewissem Ausgang. Manche Konkurrenten ließen sich kaum enttarnen. Heute ist die Konkurrenzanalyse – Internet sei dank – eine schnelle und einfache Sache. Das Web läßt tief blicken.
So lief das beispielsweise bei einem meiner letzten Jobs ab: Von meinem Auftraggeber hatte ich bereits im Briefinggespräch einiges über seinen Hauptkonkurrenten zu hören bekommen. Dieser bereitete ihm zunehmend Bauchschmerzen, weil er seit neuestem anfing, die gleiche Kundenzielgruppe anzubaggern. Allerdings begegnete ich der Konkurrenzeinschätzung meines Auftraggebers mit einer Prise Mißtrauen. Sie schien mir ausgesprochen subjektiv gefärbt und wenig urteilssicher.
Zurück am heimischen Schreibtisch begab ich mich sofort ins Internet und auf die Website des Konkurrenten. Dort fand ich auf dem virtuellen Präsentierteller alle wichtigen Daten und Fakten zu Sortiment und Firmenstruktur, das Leitbild des Unternehmens, Bilder und Beschreibungen der letzten Werbekampagnen, eine Rede des Vorstands zur Konzernstrategie. Im Bereich Presse fanden sich alle Pressemitteilungen der letzten drei Jahre. Alles höchst aufschlussreich!
Dann googelte ich das Konkurrenzunternehmen. Ich fütterte die Suchmaschine mit dem Unternehmensnamen – auf Verdacht kombiniert mit verräterischen Suchbegriffen wie „Krise“, „Qualitätsmängel“, „unzufriedene Kunden“ oder mit positiven Stichworten wie „Umsatzsteigerung“ oder „Expansion“. Viele Spuren endeten mit „kein Treffer“. Aber hier und da traf ich ins Schwarze. Ich fand interessante Artikel auf den Fach- und Branchenportalen, außerdem zahlreiche Kommentare in Foren und sogar die Einschätzung eines bekannten Branchenexperten. Klick für Klick deckte ich Stärken und Schwächen des Mitbewerbers auf. Es dauerte kaum zwei Stunden bis ein aufschlussreiches Bild entstanden war.
Die Indizien aus dem Internet stellte ich zu einem schriftlichen Steckbrief zusammen. Kurz und knapp– nur das Wesentliche. Mit diesen Erkenntnissen im Hintergrund, war es ein Leichtes, im nächsten Arbeitsschritt die strategische Marschroute abzuleiten. In diesem Fall hatte die Recherche ergeben, dass besagter Konkurrent in Sachen Service deutliche Mängel aufwies. Da mein Auftraggeber auf der Servicestrecke gut aufgestellt war, schien es folgerichtig, die offene Flanke zu nutzen und die anstehende Kommunikationskampagne hauptsächlich über Serviceargumente laufen zu lassen. Ich bin guter Hoffnung, dass wir den Konkurrenten so auf dem falschen Fuß erwischen und ihm ein wenig den Schwung nehmen.