Neulich wurde ich zu einem Vortrag eingeladen. Mein Thema war – wie konnte es anders sein – die Konzeptionstechnik. Man teilte mir mit, dass die Veranstaltung um 18 Uhr begänne und dass mein Beitrag als Erster von mehreren Vorträgen an der Reihe wäre. Als Vortragszeit bekäme ich eine volle Stunde. Das wird eine leichte Übung! So dachte ich bei mir.
Wie immer auf den letzten Drücker, das heißt am Abend vor dem Vortrag, tüftelte ich mir die Inhalte aus, notierte die passenden Stichworte und stellte ein paar Powerpoint-Folien zusammen.
Am nächsten Tag hatte ich bis zum Nachmittag jede Menge um die Ohren, erst in der überfüllten U-Bahn kam ich dazu, meine Notizen noch einmal durchzublättern. Der Vortragssaal in Mitte war nur mäßig gefüllt. Während sich der Veranstalter beklagte, dass kaum eine Zeitung seine Pressemitteilung veröffentlicht und folglich kein Schwein von seiner Veranstaltung erfahren hätte, kabelte ich mein altes Notebook an den Beamer, platzierte meine Notizen und meine Referentenuhr auf dem Vortragstisch. Die Uhr hatte ich seit Jahren überall dabei und immer im Blick. „Professionelles Zeitmanagement“ nennt sich das. Aber an diesem Abend erwartete mich eine böse Überraschung. Mein unentbehrlicher Zeitmesser war zwischenzeitlich stehen geblieben, seine Zeiger zeigten kurz nach 1 Uhr und rührten sich nicht vom Fleck. Es liefen die letzten Minuten vor meinen Vortrag. Was sollte ich tun? Mal nachfragen, ob irgendwer eine passende Batterie parat hätte? Den Veranstalter leihweise um seine Armbanduhr bitten? Ach, was soll´s! Es geht doch nur um 60 Minuten. Schmidbauer, das machst du doch nicht zum ersten Mal, das bekommst du doch locker auch ohne Uhr hin.
Mit einem Mal wurde es ruhig im Saal. Alle schauten gespannt nach vorne. Dort stand der Veranstalter, räusperte sich und sprach die einleitenden Worte. Wie immer hatte ich, kurz bevor es Ernst wurde, meinen kompletten Vortrag vergessen, mein Kopf war völlig leer. Mithilfe der Notizen versuchte ich verzweifelt mein Kurzzeitgedächtnis wieder zu reanimieren. Keine Ahnung, was der Veranstalter in der Zwischenzeit den Leuten erzählte, ich bekam jedenfalls nichts davon mit. Erst als mein Name fiel und sich alle Augen auf mich richteten, wurde mir schlagartig klar, dass ich ab sofort das Sagen hatte.
„Meine Damen und Herren, wer seine Unternehmenskommunikation nicht gründlich konzipiert, der verliert …“, begann ich und suchte nach Worten. Ein paar Minuten später hatte ich mich endlich warm geredet, ab da lief der Vortrag fast wie von selbst. Meinen Notizzettel verlor ich aus den Augen und meine Uhr war ja sowieso stehen geblieben. Ich war frei!
Es passierte, als ich die Rolle der Strategie als Rückgrad des Konzepts zu erklären versuchte. Plötzlich kam es mir so vor, als ob ich schon eine wahre Ewigkeit reden und reden würde. Nur wie lange genau? Einige Male war ich bereits von meiner Vortragslinie abgewichen und mit meinem Redefluss spontanen Eingebungen gefolgt. Vermutlich hatte ich durch diese Umwege inzwischen gehörig Zeit verloren. Mach schneller, sonst überziehst du gewaltig! Ich begann zu kürzen, ließ hier eine vertiefende Erklärung und dort ein praktisches Beispiel weg. Aber dennoch wurde ich das Gefühl nicht los, dass mir die Zeit im Nacken saß. Im Hintergrund des Saals erkannte ich meinen Nachredner, der von einem Fuß auf den anderen trat und auf seinen Einsatz wartete. Neben ihm stand der Veranstalter und schaute alle naselang auf seine Uhr. Verdammt, das konnte nur bedeuten, dass ich schon dicht am Zeitlimit war! Das hatte man nun davon, wenn man seinen Eingebungen freien Lauf ließ. Schneller, Schmidbauer, schneller. Ich überging kurzerhand die Powerpoint-Folie zur Erfolgskontrolle und auch die Regeln der strategischen Zeitplanung ließ ich weg. Dazu war einfach keine Zeit mehr. Der blöde Veranstalter schaute schon wieder auf seine Uhr und machte mir ein Zeichen. Ja, ja, keine Panik, ich würde das Zeitmanagement seiner Veranstaltung schon nicht durcheinanderbringen. Ich bog ja bereits in die Zielgerade ein und ging in den Endspurt. Die kleine Anekdote aus der Praxis, die ich eigentlich als Schlusspointe zünden wollte, fiel aus Zeitgründen unter den Vortragstisch. Leicht gehetzt kam ich beim Schlusswort an und bedankte mich bei meinen Zuhörern. Endlich, es war geschafft! Freundlicher Beifall plätscherte mir entgegen. Ich verneigte mich kurz, schnappte mein Notebook, meine Notizen, meine Uhr und überließ meinem Nachredner das Feld. Im Gang kam mir der Veranstalter entgegen. Er wirkte alles andere als glücklich. Klar doch, er wollte sich wegen der überzogenen Vortragszeit beschweren. Sollte ich ihm das mit der kaputten Uhr erzählen? Nein, besser nicht, das würde alles andere als professionell wirken.
„Herr Schmidbauer, in aller Welt, was ist passiert? Sie waren viel zu kurz!“, jammerte der Veranstalter und schien der Verzweiflung nahe zu sein.
„Zu kurz?“ Ich war wie vom Donner gerührt und verstand die Zeit nicht mehr. „Wie lang war ich denn?“
„Knappe 40 Minuten!“ erklärte der Veranstalter und blickte wie zur Bestätigung auf seine Uhr.
40 Minuten? Ich war völlig konsterniert. Wie konnte mein Zeitgefühl mich derart in die Irre führen? Unbemerkt stahl ich mich aus dem Saal und ging zu Fuß nach Hause, den weiten Weg von Mitte bis Tempelhof, nur um meinen Frust zu verdauen. Ich sehe es ein, lieber Einstein, du hast ganz recht, Zeit ist relativ.
Solche wahren Geschichten aus dem echten Leben liebe ich. Sie sind es, die dem hochtechnologisierten, gehetzten Alltag wieder etwas an verloren gegangener Menschlichkeit zurückgeben.
Kommentiert von: LD | 22. Februar 09 at 22:07 Uhr
Haha, Herr Schmidbauer, genau das ist mir auch mal passiert!
>>Plötzlich kam es mir so vor, als ob ich schon eine wahre Ewigkeit reden und reden würde.
Auf einmal fehlte jegliches Gefühl dafür und ich war überzeugt, viel zu lange zu sein und überzogen zu haben und war viel zu kurz! Absurdes Gefühl.
Kommentiert von: Gitte Härter | 24. Februar 09 at 14:32 Uhr