Am Rande einer Vorlesung wurde ich von meinen Studenten auf Brüche und Lücken im Lebenslauf angesprochen. Wie stark beeinträchtigen solche „Makel“ die Karrierechancen? Eine spürbare Verunsicherung schwang in der Frage mit. Ich persönlich halte nichts von den Glaubenssätzen einschlägiger Karrieremoralapostel, die stromlinienförmige Biografien zum obersten Ideal stilisieren. Lasst euch bloß nicht einschüchtern und auf Linie kriegen! Erst kommt das Leben - und dann die Karriere. Ich verstehe das als Aufforderung, die Biografie lustvoll zu brechen, wenn es euer Leben fruchtbarer macht. Ihr bekommt beispielsweise die Chance, eine Zeit lang bei einem großen Filmprojekt mitzuarbeiten, obwohl das nicht auf eurem direkten Karriereweg liegt? Nicht zögern, machen! Ihr wollt zwischen zwei Arbeitsstellen ein halbes Jahr Lücke lassen, um rund um die Welt zu reisen? Habt Mut zur Lücke! Ihr werdet auf der neuen Stelle gemobbt, sodass die Arbeit zur Qual wird? Falls alle Klärungsversuche scheitern: Kündigen! Auch wenn sich schnelle Wechsel in Lebensläufen angeblich nicht gut machen. Ich kenne eine Menge Leute, deren Biografie voller Brüche ist - und die beruflich ausgesprochen erfolgreich sind. Gerade die Brüche haben sie weiter gebracht und schlauer gemacht. Gerade zwischen den Lücken ist Reibung und Kreativität entstanden. Deshalb mein guter Rat: Schickt besagte Karrieremoralapostel in die Wüste! Und ich setze noch eins drauf: Falls ihr im nächsten Bewerbungsgespräch auf einen Personalleiter trefft, der ausdrücklich betont, wie viel Wert sein Unternehmen auf eine perfekt gebügelte Karrierebiografie legt, dann sollten eure Alarmglocken schrillen. Es sind Zweifel angebracht, ob ihr euch und euer Können in diesem Laden wirklich voll entfalten könnt.
Kommentare
Kann ich nur bedingt unterschreiben. Denn bei großen Unternehmen und insbesondere bei Einstiegspositionen wird der komplette Bewerbungsprozess i.d.R. von Personalern gesteuert. Die haben aber sowas von 0,0% Ahnung von Kommunikation, dass sie sich ausschließlich an dem stichwortartigen Profil der Komm.-Abteilung orientieren, das wiederum i.d.R. auch nicht besonders durchdacht ist. Es wird unterschätzt, wie wichtig - eben aufgrund der Einstellungsprozesse - die Einhaltung bestimmter Standards im CV ist: 2-3 Praktika, Auslandsaufenthalt, gute Noten, schnelles Studium.
... kann ich nur unterschreiben. Wichtig ist allerdings dann auch, zu diesen Unternehmungen oder "Brüchen" zu stehen und schlüssig was dazu zu sagen.
Nicht etwa Weltreise machen und im Bewerbungsgespräch dann die pflegebedürftige Oma erfinden. Oder spannendes Filmprojekt annehmen und auf Frage, warum man das unbedingt machen wollte und sogar was anderes abgebrochen hat, rumstottern und "Gute Frage" murmeln :-)
Kommentiert von: Gitte Härter | 13. Mai 09 at 09:16 Uhr