Von meinem Schreibtisch am Fenster habe ich freien Blick auf eine städtische Grünanlage mit vielen alten Kastanien. Wenn mir während der Arbeit nichts mehr einfallen will, dann lasse ich meinen Blick gerne über das Grün schweifen und hoffe auf Inspiration.
Gleich vorne unter meinem Fenster verläuft ein Weg durch die Anlage. Der Weg endet fünfzig Meter weiter an einer Ampel, die über eine verkehrsreiche Straße führt. Da mir öfter mal nichts einfallen will, habe ich das Geschehen draußen gut im Blick. Mir fällt auf, dass viele Leute nicht bis zur Ampel gehen, sondern quer über den Rasen mitten durch einen Buschstreifen abkürzen, um sich dann mutig in die Wogen des Verkehrs zu werfen. Das bringt eine Wegersparnis von wenigen Metern, birgt aber das Risiko, vom nächsten Auto überrollt zu werden. Doch dieses Risiko schreckt niemanden. Die Abkürzung ist beliebt. Mit der Zeit ist so ein richtiger Trampelpfad entstanden, auf dem kein Gras mehr wächst. Das rief irgendwann das Gartenbauamt auf den Plan. Zuerst sperrte das Amt den Rasen mit Flatterband ab, säte frisches Gras und verdichtete den Buschstreifen, sodass kein Durchkommen zur Straße mehr war. Es dauerte nur wenige Tage, bis die Flatterbänder vom Winde verweht, Grasknospen und Büsche niedergetrampelt waren. Im Jahr darauf pflanzte das Amt erneut Büsche, diesmal mit Stacheln. Das Buschwerk wurde zusätzlich durch ein Zaungitter verstärkt. Für einige Wochen schien der Strom gestoppt, doch eines schönen Tages suchte ich da draußen mal wieder nach einer Inspiration und entdeckte, dass der Zaun in Höhe des Trampelpfades niedergerissen war. Von da an dauerte es nicht lange, bis auch das Buschwerk kurz und klein getreten war. Der Trampelpfad erfreute sich wieder regen Zuspruchs.
Nein, nicht was Sie denken! Es sind beileibe keine Hooligans, die querbeet marschieren, um ein paar Meter abzukürzen. Da laufen eine ältere Dame mit Hund, ein Rentnerehepaar, ein Manager im feinen Zwirn und sogar eine Mutter mit ihren Kindern an der Hand. Es gibt keine demografischen und sozialen Grenzen! Auf dem Trampelpfad sind wir alle gleich. Wir werden von einer geheimnisvollen Urkraft geleitet und niemand kann uns aufhalten. Schon gar kein Gartenbauamt.
In der Unternehmens- und Gesellschaftskommunikation läuft das übrigens ähnlich ab. Man kann mit seiner Kampagne quasi Gartenbauamt spielen und sich gegen den Strom stemmen, aber man sollte wissen, dass Strömungen eine gewaltige Kraft haben und sich ihren eigenen Weg bahnen. Mir fällt zum Beispiel ein ehrgeiziger Bürgermeister ein, der es sich in den Kopf gesetzt hatte, einem sozial schwachen Stadtrandbezirk zur Aufmunterung einen neuen wohlklingenden Namen zu verpassen. Der neue Name wurde aufwendig „gelauncht“, als moderner „Brand“ verkauft und mit hohem Etat über mehrere Jahre kommuniziert. Und was taten die Bürgerinnen und Bürger? Sie trampelten über die neu designte „Quartiersmarke“ hinweg und nutzten weiter den alten Namenspfad.
Zu zweit trinkt es sich geselliger: Glückwunsch und Prost :-)
Kommentiert von: Frank Hamm | 31. Juli 09 at 16:12 Uhr