Gestern Abend klickte ich mich in einem Anfall von Nostalgie durch die alten Einträge aus dem ersten Jahr meines Weblogs. Ein Eintrag berichtete davon, dass ich peinlicherweise meinen Studenten den Begriff „Live-Kommunikation“ nicht richtig erklären konnte und mich mit „eigentlich nur ein anderes Wort für Veranstaltungen“ aus der Affäre zog. Inzwischen ist viel Zeit vergangen und ich habe gelernt, dass Live-Kommunikation viel mehr als nur Veranstaltungsmarketing einschließt. Im Sinne der Kommunikation steht jedes Unternehmen, jedes Produkt und jede Dienstleistung auf einer öffentlichen Bühne. Die Zielgruppen sind das Publikum und das Ziel ist, grob vereinfacht gesagt, möglichst viel Applaus. Damit das Publikum begeistert reagiert, soviel ist klar, muss der Kommunikationsakteur oben auf der Bühne eine überzeugende Rolle spielen. Seine Rolle wird im methodischen Rahmen des Konzepts durch die Positionierung auf einen kurzen Nenner gebracht. Doch wie kommt diese Rolle richtig ins Spiel? Einfach eine Website ins Netz stellen? Okay, aber das machen alle. Eine Anzeige schalten? Gähn! Eine Pressemitteilung verschicken? Landet meist im Papierkorb! In der Live-Kommunikation kommt es darauf an, die Rolle lebendig zu machen. Die Rolle soll für die Sinne fassbar werden und beim Publikum Eindruck hinterlassen. Um das zu erreichen, inszeniert man auf der öffentlichen Bühne große und kleine Ereignisse. Die Ereignisse stehen im Zeichen der Rolle und zahlen auf deren Konto ein. Alle Ereignisse sind auf das Publikum zugeschnitten, berühren, bewegen und beziehen es ein, sodass aus Ereignissen Erlebnisse werden. Die Ereignisse stehen nicht isoliert, sondern verbinden und vernetzen sich zu einem Handlungsfaden. Aus dem Handlungsfaden der Ereignisse entsteht eine Story. Und mehrere Storys verbinden sich auf längere Sicht zur Biografie des Unternehmens, des Produkts oder der Dienstleistung. Die große Bestimmung der Live-Kommunikation ist es, diese Biografie mit Sinn, Verstand und Gefühl weiterzuentwickeln. Bei der Entwicklung ist zu beachten, dass eine schlüssige Biografie nicht nur aus Erfolgen besteht. In den Storys muss auch Raum für Haken und Hindernisse sein, denn das gehört zum wahren Leben und macht die Biografie glaubwürdiger und interessanter. Grundbaustein der Live-Kommunikation sind Ereignisse. Wobei der Radius der Ereignisse weit über die klassischen Veranstaltungen hinausreicht. Wenn man Kunden über eine Website motiviert, Ideen für einen neuen TV-Spot zu entwickeln, dann ist das ein Ereignis. Wenn sich ein bekannter TV-Schauspieler in einem Interview als Fan einer Marke outet, dann ist das ein Ereignis. Wenn sich unter dem Dach des Materiallagers eine seltene Fledermausart einnistet …? Ja, auch das kann durchaus Ereignischarakter haben. Im Grunde ist Live-Kommunikation keine neue Kommunikationsdisziplin, sondern eine neue, offene Sicht- und Denkweise.
Kommentare
Die Haken und Hindernisse sind es tatsächlich, Herr Schmidbauer, die die Live-Kommunikation so interessant machen! Da schlägt das Bloggerherz wirklich höher. Bei Themen, die so ein bißchen über dem Tellerrand hängend geschrieben werden, kommt die Diskussion der "Community" (find ich den besseren Begriff als Publikum)so richtig in Schwung. Wir bloggen bei hessnatur nun schon ca. ein halbes Jahr und es macht sichtlich Spaß. Es fasziniert mich vor allem, mit welchen Themen sich die Community selbst bei 30°C im Schatten noch zu Kommentaren und Diskussionen verführen lässt!
Ich freue mich, auf Ihrer Seite gelandet zu sein!
Tja, Herr Schmidbauer, jetzt muss ich lächeln. Ich schätze, um das so treffend zu forumulieren musste es eben ein bisschen prozessieren um vom anderen Ausdruck für "Veranstaltungsmarketing" zur anschaulichen Erklärung zu gelangen. Die Studis haben bestimmt im Laufe der Jahre freudig das Kleindimensionale verlassen und sich auf die große Live-Bühne der Kommunikation geschwungen...
Im übrigen bin ich heute zum 1. Mal auf diesem Blog (durch Ihr Kommunikationskonzept Buch). Aber wenn die Plattform selbst Ihnen eine eigene Entwicklug aufzeigt, dann seh ich bestimmt wieder rein...
Kommentiert von: Ariane Post | 20. August 09 um 21:11 Uhr