Ende September 1989 wagte ich den großen Schritt und machte mich in Berlin als Konzeptioner selbstständig. Wenige Tage später bekam ich den ersten Konzeptionsauftrag, ein Werbekonzept für eine Biermarke mit Großplakaten, TV-Spots und allem Pipapo. Leider blieb das Konzept in den nächsten Monaten auch mein einziger Auftrag. Meine Freundin musste uns mit ihrem schmalen Gehalt über den Winter bringen.
An den 9. November 1989 erinnere ich mich bestens, denn am nächsten Tag war die große Präsentation meines Bierkonzepts in Frankfurt angesetzt. Abends hockte ich am Ofen in der Küche meiner Wohnung in der Weddinger Triftstraße, legte Briketts nach und probierte die Präsentation: „Meine Damen und Herren, Bier ist immer auch ein sozial geprägtes Produkt ...“ Mittendrin kam meine Freundin ganz aufgeregt in die Küche. Die Mauer sei offen, verkündete Moni, sie habe es im Radio gehört. Sie wollte auf der Stelle los, der nächste Grenzübergang lag nur fünf Minuten entfernt und hinterher könnten wir noch auf ein Bier ins Taxemoon. Doch mit mir war das nicht zu machen, am 9. November hatte ich andere Probleme, Präsentationsprobleme.
Am nächsten Morgen saß ich in aller Frühe in einem Taxi zum Flughafen. Der Taxifahrer setzte mich ins Bild, er war mit seinem Wagen auf dem Kurfürstendamm in der Menschenmenge stecken geblieben. Drei Stunden später stand ich im Sitzungsraum der Frankfurter Brauerei und begann mit meinem Präsentationsvortrag. Besser gesagt, ich startete den Versuch, denn die Leute von der Brauerei waren so gar nicht bei der Sache. Sie wollten von mir unbedingt aus erster Hand alles über die Lage in Berlin erfahren, von der ich herzlich wenig wusste, weil ich mich doch einzig um ihr blödes Bier gekümmert hatte.
Wieder daheim in Berlin war die U-Bahn brechend voll. Am U-Bahnhof Leopoldsplatz gelang es mir nur mit Mühe und viel Körpereinsatz aus dem U-Bahn-Waggon zu kommen. Die Menschenmassen drängten dicht an dicht über alle Bahnsteige und Treppen, es war kaum ein Durchkommen. Oben am Ende der Treppe war der Eingang von Karstadt umlagert von Menschen, ich musste die Straßenseite wechseln, um wegzukommen. Eigentlich hatte ich vor, mich für den Präsentationsstress im Plattenladen auf der Luxemburger Straße mit einer LP zu belohnen. Aber Pustekuchen! Der kleine Laden war mit neugierigen Plattenfans aus Ost-Berlin bis oben hin vollgestopft, man kam nicht einmal durch die Tür. Auch an der benachbarten Tankstelle standen die Menschen in dichten Trauben. Sie stauten sich vor der Waschanlage und bestaunten die laufende Autowäsche wie eine Weltsensation. An der Tankstelle Ecke Genter Straße bin ich dann endlich aufgewacht, der Bann der Bierpräsentation fiel von mir ab und ich begriff.
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