Vorletzte Woche wurde ich am Rande eines Workshops gefragt, ob man für die konzeptionelle Entwicklung nicht einen Baukasten von Textbausteinen bereithalten und je nach Bedarf einsetzen könne, denn schließlich wiederholen sich viele Schritte und Elemente des Kommunikationskonzepts immer wieder.
Meine Antwort: Man spart in der Tat Zeit, aber der Zeitgewinn geht zu Lasten der Qualität ...und der eigenen Begeisterung für die Konzeptionsarbeit. Mitte der neunziger Jahre bin ich auf die Idee mit den Textbausteinen gekommen und habe in mehrtägiger Fleißarbeit einen Baukasten voller Textbausteine zusammengestellt. Einige Fertigtexte bezogen sich auf die strategische Schrittfolge. Der Schwerpunkt lag aber auf ständig wiederkehrenden Standardmaßnahmen wie Pressekonferenz oder Newsletter. Einige Wochen hantierte ich mit diesem Baukasten - und dann verschwand er auf einer Archivdiskette für alle Zeiten in der Versenkung.
Mein Problem: Die Textbausteine förderten konfektionierte Konzepte. Aus leidenschaftlicher Maßarbeit wurde effiziente Normarbeit. Das Ergebnis waren Kommunikationskonzepte in Plattenbaumanier. Ich sparte erheblich Zeit, aber der Qualitätsverlust bereitete mir Sorgen. Er war nicht dramatisch, vielleicht 5%. Aber mein Bauchgefühl sagte mir, dass diese 5% entscheidend sind, denn sie machen aus einem durchschnittlichen Konzept ein gutes Konzept.
Wenn ich heute wie gewohnt ohne jeden Textbaustein am Konzept feile, dann dauert es nicht lange und ich bin „drin“. Ich vergesse alles um mich herum, vertiefe mich in das Kommunikationsproblem und kämpfe für eine Lösung. Kein Konzepte ist wie das andere, jedes Konzept wird zum Unikat - mit speziellem Schliff und individuellen Eigenheiten. Jede einzelne Maßnahme wird durchdacht und speziell angepasst, auch wenn sie in meinen Konzepten schon 1000 Mal aufgetaucht ist. Am Ende stehe ich voll hinter dem Ergebnis und kann es dem Auftraggeber mit Leidenschaft „verkaufen“.
Noch Ende der 90er Jahre gab es Vorworte auch noch online. Damals war ein großes Industrieunternehmen Kunde der Agentur in der ich online Konzepte entwickelte.
Jedesmal mal wieder, wenn eine Website für einen Unternehmensbereich neu gemacht werden sollte, war eine Anforderung des Kunden, dass auf der Startsteite der Bereichsvorstand mit Foto und Grußwort auftauchen sollte, denn so war es auch in den gedruckten Selbstdarstellungen.
Das fand erst ein Ende, als der Gesamtvorstand das Ziel ausgab, so gut zu werden wie ein internationaler Konkurrent. Von da an lasen sich die Anforderungen mehr wie: machen sie das, was die machen. Das war dann zwar besser, aber immer noch nicht gut.
Kommentiert von: Henning Grote | 27. April 09 at 09:54 Uhr